Interview im BLICK
Dieses Interview wurde in der Uni-Zeitung Blick 2/2007 veröffentlicht:
Ideologiefrei mit vielen Kompromissen
Der Sprecherrat zieht zum Ende seiner Amtszeit die Jahresbilanz
Im Sommer 2006 ging aus einer Koalition der Alternativen Liste/Aktionsbündnis gegen Studiengebühren, der grünen Hochschulgruppe, der liberalen Hochschulgruppe und dem RCDS ein ungewöhnlicher Sprecherrat hervor. Jetzt, zum Ende ihrer Amtszeit, trafen sich drei der vier Sprecherräte: Matthias Gauger (Grüne), André Resch (Liberale) und Daniel Schubert (RCDS) mit Axel Herber zum großen Bilanzinterview. Die vierte im Bunde, Miriam Tworuschka, hatte leider keine Zeit.
BLICK: Eure große Koalition war so ungewöhnlich wie unerwartet und von vielen zum Scheitern verurteilt. Wie ist es gelaufen?
André Resch: Wie du siehst, ist die Koalition nicht gescheitert. Dabei war es eigentlich gar keine große Koalition im klassischen Sinne, weil natürlich keine unserer Vereinigungen groß ist. Es war eine Koalition der Kleinen, die sich gegen die großen und mächtigen Jusos durchgesetzt haben.
Daniel Schubert: Die aber dieses Jahr nicht mehr so mächtig sein werden.
André Resch: Genau!
Matthias Gauger: Auch ich sehe uns nicht als gescheitert an. Wir haben eine ganz andere Grundlage als unsere Vorgänger geschaffen, weil wir Alle Kompromisse eingehen mussten. Unsere Arbeit hat sich nicht an Ideologien sondern an der Praxis orientiert.
Konntet ihr in eurer Koalition eigentlich eure Ideen und die Ideen eurer Hochschulgruppen umsetzen?
André Resch: Wir konnten natürlich unsere Ideen umsetzen. Dabei sollte allerdings klar sein: Hochschulpolitik ist nicht mit der großen Politik vergleichbar, weil natürlich viel Konsens dort herrscht, wo man für die Studierenden etwas machen muss.
Welche Projekte habt ihr denn verwirklichen können?
André Resch: Ein Großprojekt war die Studierendenzeitung, die wir durchgesetzt haben und die gerade in der fünften Ausgabe erschienen ist. Unddie Arbeit, die der Sprecherrat vor uns gemacht hat, die haben wir erfolgreich weitergeführt.
Matthias Gauger: Erfolgreicher.
André Resch: … erfolgreicher weitergeführt. Genau, das wollt ich sagen. (lacht)
Daniel, welche Projekte hast du im Einklang mit deiner Gruppierung verwirklicht?
Daniel Schubert: In erster Linie ist es uns gelungen, Hochschulpolitik ideologiefrei zu machen.
André Resch klopft zustimmend auf den Tisch.
Daniel Schubert: Weil nicht der gesamte Sprecherrat sich dem Kampf gegen Studiengebühren gewidmet hat, konnten wir uns auch um deren Einführung kümmern. Matthias hat sich beispielsweise für ausländische Studierende eingesetzt und erreicht, dass sie vorerst
von der Zahlung befreit wurden. Auch die Informationskampagne zur Befreiung von Studienbeiträgen war so erfolgreich, dass fast ein Viertel der Studierenden sich befreien lassen konnte.
André Resch: Allein unser Verdienst. (lacht)
Was würdest du persönlich als dein erfolgreichstes Projekt bezeichnen, Matthias?
Matthias Gauger: Wegen der Einführung der Studienbeiträge habe ich mich intensiv um die Rückmeldung zum Sommersemester gekümmert. Da war es ein Erfolg, wenn dann wirklich ein paar Leute, denen man einen Antrag mitgeschrieben hat, von den Gebühren
befreit wurden. Wenn die dann anschließend auf einen zukommen und sich bedanken, ist das einfach ein schönes Gefühl.
Daniel Schubert: Wir konnten durchsetzen, dass die Arbeit des Sprecherrats insgesamt ein bisschen transparenter wurde. Alle Gruppen hatten die Möglichkeit, ins Büro zu kommen und sich die Unterlagen anzuschauen und zu kontrollieren, ob bei uns alles regelkonform
läuft.
André Resch: Was in der VergangenVergangenheit nicht immer so war.
Daniel Schubert: Es gibt den begründeten Verdacht, dass es früher einige Missstände gab. Da ist es auch gut, wenn nicht nur eine Gruppierung im Sprecherrat vertreten ist, sondern mehrere, die sich gegenseitig kontrollieren können.
Wie seht ihr euren Einfluss in der Hochschulpolitik?
André Resch: Natürlich beschränkt sich unsere Wirkung größtenteils auf die Hochschule selbst. Dafür haben wir mit der Hochschulleitung und dem Studentenwerk eine sehr gute Zusammenarbeit gefunden.
Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
André Resch: Wenn das Studentenwerk konkrete Pläne verwirklichen will, werden wir vorher gefragt, was wir davon halten. Und wenn wir irgendwas unternehmen wollen, können wir auf die Mitarbeiter dort zugehen. In der Regel arbeiten die auch mit uns zusammen und unterstützen uns.
Daniel Schubert: Ist eigentlich fast schade, dass die Zusammenarbeit mit dem Studentenwerk besser war als mit
der Hochschulleitung.
Inwiefern?
Matthias Gauger: Wir sind eher der Bittsteller bei der Hochschulleitung und müssen denen immer hinterher rennen, wenn irgendwas ist. Auf manche Rückmeldungen wartet man mehrere Wochen.
Gerade die Alternative Liste hatte sich den Kampf gegen Studiengebühren auf die Fahne geschrieben, aber auch die anderen Hochschulgruppen waren nicht unbedingt dafür. An einem Boykott haben sich jedoch nur wenige Studierende beteiligt. Warum die geringe Resonanz?
Matthias Gauger: Das Problem bei diesem Boykott war, dass uns zum Einen das Personal gefehlt hat, um die Aktion in großer Breite bekannt zumachen. Zum Anderen hat es uns anderen drei Gruppierungen widerstrebt, einfach jetzt von heut auf morgen einen Boykott zu organisieren.
André Resch: Dazu kam noch das große Problem, dass wir vom Konvent aufgefordert wurden, den Boykott zu unterstützen, was wir natürlich mit unseren Ressourcen auch gemacht haben. Aber dann haben sich die Antragsteller, die Mitglieder der Juso-Hochschulgruppe überhaupt nicht an der Arbeit beteiligt und uns statt dessen vorgeworfen, er würde nicht gut funktionieren.
Immerhin in einer Sache ward ihr euch aber alle einig, nämlich, dass die Studiengebühren den Studierenden zugute kommen sollen. Wie beurteilt ihr die Verwendung der Gelder bis jetzt?
Matthias Gauger: Man erlebt ein ganz starkes Gefälle zwischen den Fakultäten. Ich weiß von den Medizinern, dass sie
ganz glücklich sind, weil sie sich ganz viel Material anschaffen konnten. Und die anderen Naturwissenschaften auch. Im Gegenzug gibt es Fakultäten wie die Juristische oder die Philosophischen, die wegen der hohen Anzahl von Studierenden und einem eher niedrigen Bedarf an Material ein echtes Problem bei der Verwendung haben.
Daniel Schubert: Die Uni sollte jetzt schnell ihrer Rechenschaftspflicht nachkommen und offen legen, wohin das Geld geflossen ist. Als Studierender nimmt man ja nur durch Zufall Kleinigkeiten wahr, wie zum Beispiel ein kostenloses Skript oder jede Menge zusätzlicher Tutorien im kommenden Semester. Es fehlt aber der Überblick, was in diesem Semester mit den Beiträgen passiert.
André Resch: Natürlich hat die Einführung der Studiengebühren gerade in den Fächern, in denen eine Überlastung der Tutoren und der Lehrkräfte herrscht, zumindest eine kleine Verbesserung bewirkt. Aber das große Problem der Raumsituation wurde mit den Studiengebühren nicht gelöst. Jetzt platzen schon mehrere Fakultäten aus allen Nähten, und es werden Räume angemietet, um überhaupt irgendwo unterzukommen.
Am 26. Juni ist Uniwahl. Tretet ihr wieder an? Noch mal Sprecherrat? Plant ihr wieder eine große Koalition?
Daniel Schubert: Der RCDS möchte allein regieren. (grinst)
Matthias Gauger: Alleine wegen des neuen Wahlmodus wird es eine Koalition in Zukunft schwer haben, wirksame Absprachen zu treffen. Deshalb eher Nein zur Koalition. Zu meiner persönlichen Zukunft: Nein, ich werde im nächsten Jahr nicht mehr im Sprecherrat sein. Für den Konvent und für den Senat stehe ich aber auf der Liste.
André Resch: Ich denke auch, dass es in Zukunft keine Koalitionsverhandlungen im dunklen Kämmerchen mehr geben wird, so wie sie es bei uns vielleicht gab. Ich trete ebenfalls wieder auf beiden Listen an, als Sprecherrat werde ich aber auf jeden Fall nicht mehr antreten, weil ich in naher Zukunft mein Studium beenden will.
Daniel Schubert: Ich trete nur auf der Liste zum Konvent an und würde mich natürlich freuen, wenn ich gewählt werde.



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